Vor einiger Zeit kam eine taubstumme Kundin in mein Studio. Die Reservierung des Termins lief über eMail und wir haben auch kein Vorgespräch vor dem Termin gemacht. Dass sie taubstumm ist, habe ich erst erfahren, als sie zusammen mit ihrem Freund mein Fotostudio betreten hat. Ihr Freund war zwar auch hörgeschädigt, konnte sich aber einigermaßen verständlich machen. Die Kundin selber konnte ein wenig von den Lippen ablesen, das gestaltete sich aber eher schwierig, weswegen sie die gesamte Kommunikation ihrem Freund überlies.
Als ich die Kundin dann vor der Kamera hatte, merkte ich auf einmal, dass meine übliche Art, mit der zu fotografierenden Person zu arbeiten, nicht mehr funktionierte. Erst da wurde mir bewusst, dass ich normalerweise mit der Kamera vor dem Auge mit der Person rede. Aus der Gewohnheit heraus machte ich das auch dieses mal, merkte dann aber, dass das Unsinn war. In diesem Moment fühlte seltsamerweise ICH mich behindert, da ich nicht mehr so kommunizieren konnte wie gewohnt.
Irgendwie ging es dann natürlich doch, aber es war ein sehr nachdenklich stimmendes Ereignis für mich.





6 Kommentare
12. Oktober 2008 um 20:07
Interessanter Bericht. Danke dafür! Ja…so leicht können sich die Seiten wenden. Wenn man auf einmal nicht mehr richtig weiter weiß, weile “übliche” Methoden nicht mehr funktionieren.
12. Oktober 2008 um 20:40
Ich finde den Bericht auch interessant, vor allem dein Gefühl, das dich plötzlich ergriff.
12. Oktober 2008 um 20:55
Danke für diesen Bericht. Ich möchte dich aber darauf hinweisen, dass Schwerhörige und Gehörlose nicht gerne als Taubstumme genannt werden möchten. Der Begriff “taubstumm” ist falsch und irreführend. Denn hörgeschädigte Menschen können schon reden oder zumindest Töne von sich geben. Also haben sie irgendwie eine Stimme, von stumm kann also nicht die Rede sein.
Ich bin selber schwerhörig, trage aber Hörgeräte und kann mich dadurch normal mit Hörenden kommunizieren.
Gruß Matthias
12. Oktober 2008 um 23:32
Da merkt man schnell, wie wichtig die Kommunikation in der Portrait-Fotografie ist! Und: Behindert zu sein, ist relativ.
Wichtig bei der Arbeit mit hörgeschädigten Menschen ist, dass man langsam, ruhig und deutlich mit ihnen redet. Laut sprechen oder schreien bringt gar nichts, da das die Stimme verzerrt.
Interessant ist auch, dass viele Hörgeschädigte mehr oder weniger von den Lippen ablesen. Man sollte daher auch nach dem Vorgespräch direkten Blickkontakt halten und die Kamera eher nebenbei bedienen, bzw. diese immer wieder vom Gesicht wegnehmen. Vor allem wenn man selbst unsicher ist, “versteckt” man sich nämlich gerne hinter der Kamera. (Wenn man ungekünstelte Portraits erhalten möchte ist dies auch bei Normalhörende ein prima Tipp!) Außerdem kann man dann selbst besser mit den Händen und der Mimik kommunizieren.
Letzter Tipp: Im Dunkeln, im Schatten oder wenn das Licht blendet lässt es sich ebenfalls schlecht Mundablesen.
12. Oktober 2008 um 23:58
@ Matthias: So schnell tritt man in’s Fettnäpfchen … Das habe ich nicht gewusst, dass Taubstumm ein “Schimpfwort” ist. Also werde ich dieses Wort in Zukunft vermeiden.
@ Michi: Danke für die Tipps. Und, ja, natürlich, ich war in der Situation unsicher.
13. Oktober 2008 um 08:08
Ein “Schimpfwort ist es nicht, aber einfach der falsche Begriff. Die Tipps von Michi sind natürlich goldrichtig. Wichtig ist, gleich am Anfang zu klären, wie schwer die Hörbehinderung ist. Es gibt bei Hörgeschädigten enorme Unterschiede. Wie Michi gesagt hat, immer wieder Blickkontakt halten, den Mund nicht zu verdecken und auf Mimik und Gestik achten. Deutlich, aber nicht laut sprechen ist ebenfalls enorm wichtig. Den Mund dabei normal bewegen, NICHT mit zusammengebissenen Zähnen sprechen oder die Lippen kaum zu bewegen.